Welche Mythen produziert die Flaschenwasserindustrie?

Warum kaufen wir in Flaschen abgepacktes, überteuertes Wasser, obwohl wir direkt vom Wasserhahn trinken könnten? Eine wichtige Antwort auf diese Frage liefert uns das Marketing der Flaschenwasserindustrie. Diese verbreitet den Mythos, dass in PET-Flaschen abgepacktes Wasser gesünder sei und besser schmecke als Leitungswasser. Im Folgenden räumen wir mit sechs Mythen der Flaschenwasserindustrie auf!

Mythos 1: Nur Trinkwasser in Flaschen garantieren gute Qualität.

Flaschenwasser ist in den meisten westlichen Länder bestenfalls (!) so sicher und gesund wie Leitungswasser. Teilweise ist das Gegenteil der Fall: Das Flaschenwasser ist weniger sicher, weil die Kontrollen weniger streng und weniger häufig sind. Das wird durch Berichte aus zahlreichen anerkannten Quellen bestätigt, wie beispielsweise dem Natural Resources Degens Council, der Mayo-Klinik, Consumer Reports und diversen Artikeln in Peer-Review Zeitschriften. Natürlich gibt es Ausnahmen: In New York, Montréal, Flint (Michigan) und weiteren älteren Städten fliesst das städtische Leitungswasser durch Bleileitungen,  in denen es sich mit Blei anreichern und Bleivergiftungen verursachen kann. Auch im Globalen Süden gibt es Länder, in welchen Kontroll- und Sanitätsstandards von Leitungswasser nicht gut sind. Hier führt jedoch die Privatisierung der Wasserquelle oder das Abzapfen durch die Flaschenwasserindustrie nicht zu einer zufriedenstellenden Lösung, sondern zu Konflikten (siehe hier). Festzuhalten gilt:

In den Industrienationen gehören die Qualitätsstandards für Leitungswasser zu den strengsten Standards überhaupt.

Quelle: Daniel J. Levitin (2018) Kritisch denken im Zeitalter der Lügen: Fake News, Halbwahrheiten und Pseudo-Fakten entlarven. Redline Verlag.

 

Mythos 2: Flaschenwasser dient als Quelle von Mineralstoffen.

Geworben wird oft mit dem erhöhten Anteil an Mineralien in Mineral- und Quellwasser im Vergleich zu Leitungswasser. Allerdings sind diese Mineralien nicht in einer Menge vorhanden, die tatsächlich gesundheitsrelevant ist (siehe Beitrag von Reset). Mineralwässer können zwar zur Mineralstoffbedarfsdeckung eines Menschen beitragen, der Bedarf an Mineralstoffen wird aber überwiegend durch feste Nahrung gedeckt. Auch die Stiftung Warentest zieht ein klares Fazit:

„Mineralstoffe im Mineralwasser sind ein Mythos“

 

Mythos 3: Flaschenwasser ist zu 100% natürlich

Neben dem erhöhten Anteil von Mineralien findet sich in PET-Flaschenwasser unerfreulicherweise  Acetaldehyd, wie die Untersuchung von K-Tipp (Ausgabe Nr. 10 vom 18.5.2016)  zeigt. Dieser Stoff entsteht bei der PET-Herstellung. Acetaldehyd ist zwar gesundheitlich unbedenklich, kann aber dem Wasser einen süsslichen Geschmack verleihen. In einigen Flaschenwassern sind Rückstände von Pestiziden und künstlichen Süssstoffen gefunden worden. U.a. wurde das Abbauprodukt des Pestizids Tolylfluanid nachgewiesen. Dieses wird etwa im Obstbau eingesetzt. Sind Süssstoffe vorhanden, ist es möglich, dass der Abflüller selbst das Wasser bereits in seinen Anlagen verunreinigt hat. Kleinste Mengen von Chrom VI fand man in „Henniez“. Chrom VI ­zeigte in Tierversuchen bei ­hohen Dosen eine krebs­erzeugende Wirkung und kann Haut­ekzeme auslösen. Eine weitere Untersuchung von Oekoskop (Ausgabe Nr. 3/13) zeigt auch, dass jedes zweite Flaschenwasser verunreinigt ist. Sie enthalten zum Teil hormonaktive, neurotoxische und bioakkumulierende Substanzen. Zusätzlich wurden auch „unbekannte Substanzen“ gefunden, die laut den Forscher*innen in natürlichem Mineralwasser nichts verloren haben. Der Konsumtipp der Forscher*innen ist klar:

Das ebenfalls untersuchte Stadtberner Trinkwasser ist frei von Verunreinigungen und extrem preisgünstig.

Zudem ist das Leitungswasser im Allgemeinen das weitaus ökologischste Wasser im Test: „Leitungswasser wird weder abgefüllt, noch mit Kohlensäure angereichert, noch muss es in ressourcenvergeudenden Flaschen transportiert werden.“

 

Mythos 4: Führende Gesundheitsforscher empfehlen Wasser aus Flaschen zu trinken. Sie konsumieren selber Flaschenwasser.

Um welche „führenden Gesundheitsforscher“ handelt es sich? Trinken diese „Gesundheitsforscher“ Flaschenwasser, nur wenn es keine andere Möglichkeit gibt? Oder meiden sie im Allgemeinen alle anderen Wasserquellen? Mit diesen und weiteren Fragen kann diesem Mythos, welcher die Flaschenwasserindustrie verbreitet, auf den Grund gegangen werden und als solcher dekonstruiert werden.

Die meisten Flaschenwasser ent­halten Uran. Der Höchstwert von 30 µg/l (aus der Verordnung des EDI über Trinkwasser sowie Wasser in öffentlich zugänglichen Bädern und Duschanlagen) wird zwar meist (!) unterschritten (siehe Studie Kantonales Laboratorium Basel-Stadt 2018), jedoch wird dieser Höchstwert in Anbetracht der Gesundheit von Säuglingen und Kleinkindern kritisch betrachtet. foodwatch fordert deshalb einen einheitlichen Grenzwert von 2 Mikrogramm Uran pro Liter (siehe hier) – diese 2 µg/l würden einige Marken nicht einhalten (siehe K-Tipp 12/2017). Aproz von der Migros ist mit 9 µg/l Spitzenreiterin (siehe K-Tipp Liste vom 16. Mai 2012).

Quelle: Daniel J. Levitin (2018) Kritisch denken im Zeitalter der Lügen: Fake News, Halbwahrheiten und Pseudo-Fakten entlarven. Redline Verlag.

 

Mythos 5: Flaschenwasser kann nicht schlecht werden.

Im Gegensatz zum Leitungswasser, das frisch aus dem Wasserhahn kommt, kann Wasser, das längere Zeit steht, durchaus “schlecht” werden (siehe Focus Online, 16.8.2018). Grundsätzlich sollte das Mineralwasser möglichst schnell getrunken werden, sobald die Flasche geöffnet ist. Im Wasser können sich rasch Mikroben breit machen, die bei Ihnen zu Magen-Darm-Beschwerden führen können. Falls das Wasser direkt aus der Flasche konsumiert wird, gelangen häufig Bakterien in das Wasser.

 

Mythos 6: Flaschenwasser ist frisch

In der Schweiz ist die Haltbarkeit von Flaschenwasser auf zwei Jahre begrenzt. Das Haltbarkeitsdatum verrät folglich, wie frisch das Flaschenwasser wirklich ist:  Wenn es noch sechs Monate Gültigkeit hat, dann ist die Flasche bereits vor 18 Monaten abgefüllt worden und hat in der Zwischenzeit viele Lagerräume und Transportfahrzeuge gesehen (siehe myblueplanet.ch).